Eierkarton
<

Ein Praktikum: Erste Berührungen mit Suchtproblematik

Als Studentin für Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt absolvierte ich von Ende Januar bis Mitte März mein erstes Praktikum bei der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtkranke in Aschaffenburg. Sechs Wochen erste praktische Erfahrung mit diesem Thema. Weitere acht Wochen und ein praktisches Studiensemester werden folgen. Ich freute mich darauf vieles, das ich im Rahmen meines Studiums bisher nur theoretisch erfahren hatte, in der Praxis zu erleben und doch war ich gleichzeitig nervös. Wie wird sich für mich ganz persönlich die Begegnung mit dem Thema, den Klienten, ihren Lebensgeschichten und ihren Problemen gestalten? Ich wollte etwas lernen über professionelles Handeln und damit ganz eng verbunden über Abgrenzung. Das war es was mich neben dem Thema Sucht sehr beschäftigte.

Was ist passiert in diesen sechs Wochen? Vieles durfte ich erleben, mit dabei sein: Aufsuchende Arbeit im Gefängnis, Präventionsveranstaltungen für Jugendliche, Besuch einer Tagung in einer stationären Rehabilitationseinrichtung für suchtkranke Männer, Teamsitzungen, eine Supervision und natürlich beobachtend und lauschend in Beratungsgesprächen mit dabei sein.

Es sind Gesichter, Geschichten und Empfindungen die in mir noch nachklingen. Zum Beispiel die Atmosphäre im Gefängnis, das endlose Auf- und Abschließen, die langen Korridore und kein Blick nach draußen auf den Himmel oder auf Bäume. Im Besprechungszimmer die Luft stickig, fast dick. Die Klienten freuen sich, mit jemandem über ihre Angelegenheiten sprechen zu können. Da schwingt die Hoffnung, vielleicht doch einen Teil der Haftstrafe in Bewährung nach vorangehender stationärer Therapie umwandeln zu können und immer wieder die Beteuerung daraus gelernt zu haben, auf keinen Fall noch ein zweites mal in den Knast. Das kann ich gut verstehen, doch innerlich fast ein wenig ratlos geht es wieder nach draußen. Ich denke an Statistiken und Rückfallquoten und frage mich was hilft wirklich, nachhaltig. Den Klienten, die fast alle junge Männer sind, wünsche ich herzlich diese Hilfe zu bekommen. Draußen erst einmal tief durchatmen, die frische Luft und der freie Blick tut gut.

Mittwochnachmittag, wie immer von 15:00 bis 17:00 Uhr offene Sprechstunde. Die beiden jungen Männer, die meist gemeinsam kommen, sind schon bekannt. Sie brauchen für den Bewährungshelfer die Bescheinigung über ein Beratungsgespräch bei der Suchtberatungsstelle. Beide ganz gut drauf, mit einer Berufsausbildung sieht es eher schlecht aus, ja, Bewerbungen haben sie schon geschrieben, aber so recht wissen sie auch nicht. Sollten vielleicht demnächst mal wieder eine Bewerbung abschicken. Aber zunächst einmal steht der Umzug an, Nachwuchs hat sich angekündigt, beide werden Papa. Schon bin ich geneigt, innerlich eine Prognose zu stellen, zu bewerten. Aber ich kenne die Beiden nicht. Man kann nicht in einen Menschen schauen und in die Zukunft schon gleich gar nicht. Ich muss mich daran erinnern, welchen Auftrag wir als Beratungsstelle für Suchtprobleme haben.

Ein anderes Beratungsgespräch. Die Klientin eine Russlanddeutsche, die deutsch schlecht versteht. Es stellt sich heraus sie ist schwerhörig, daher also ihre etwas unwirsche Art als ich sie in das Wartezimmer bitte. Sie ist nervös und unsicher. Im Gespräch erfahren wir, dass sie substituiert wird und eine Bestätigung über ein Beratungsgespräch für ihren Arzt braucht. Am liebsten möchte sie die Bestätigung so schnell wie möglich haben. An Beratung ist sie eher weniger interessiert. Sie befürchtet, es könnten Informationen an das Jugendamt weiter gemeldet werden. Als allein erziehende Mutter hat sie Angst, dass man ihr wegen der Suchtprobleme die Tochter wegnehmen könnte. Mehrmaliges Beteuern, dass wir der gesetzlichen Schweigepflicht unterliegen entspannt gegen Ende das Gespräch etwas. Dann huscht doch noch ein für sie und uns erleichterndes Lächeln über ihr Gesicht. Am Abend zuhause geht mir ihre Geschichte immer mal wieder durch den Kopf.

Bei all diesen Gesprächen bin ich froh noch in der Schonposition der Beobachterin und Lauschenden zu sein. Ich spüre, mir fehlt in all der Flut von Informationen der Klienten der rote Faden um ein professionelles Gespräch führen zu können. Innerlich bin ich immer wieder versucht mit in deren Geschichte einzusteigen und weiß doch ganz genau, dass es so nicht sein darf. Ich empfinde es als ein Spagat, das rechte Maß an emphatischer Distanz und an professioneller Nähe mit Menschen zu finden, die mir zum ersten Mal in meinem Leben begegnen und die mich an sehr intimen Begebenheiten ihres Lebens teilhaben lassen.

Es waren rückblickend gute Erfahrungen, die ich während dieser sechs Wochen machen durfte, nicht zuletzt wegen des Teams der Beratungsstelle das mir von Anfang an das Gefühl gegeben hat, ich gehöre jetzt für diese Zeit mit zu ihnen. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und freue mich auf die kommenden acht Wochen Praktikum im Sommer.

Antje Cott-Fischer

Information und Kontakt:
Psychosoziale Beratungsstelle
Treibgasse 26 (im Martinushaus)
63739 Aschaffenburg
Telefon: 06021-392280
Ansprechpartner: Heino Hübner
Wenn Sie sich für ein Praktikum interessieren, schicken Sie uns hier eine Mail.

Ein Praktikum ist für viele Studenten die erste Begegnung mit ihrem künftigen Arbeitsgebiet. Die Erlebnisse sind meist sehr eindrückllich und zeigen das breite Spektrum der Arbeit im Bereich der Suchthilfe. Die Beratungsstellen freuen sich über Bewerbungen aus den Studienrichtungen Soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie.